Bessere Argumente oder Recht des Stärkeren?

Was sich am Peloponnesischen Krieg über Macht und kritisches Denken beobachten lässt

Wer nur hört, was ihn bestätigt, hört am Ende nur noch sich selbst. Wer schweigt, wenn alle zustimmen, hat sein Urteil schon abgegeben. Populisten brauchen beides, und der Peloponnesische Krieg zeigt, wohin es führt.

Der Athener Thukydides hat den Peloponnesischen Krieg (431 bis 404 v. Chr.) als Zeitzeuge beschrieben. Zwei Episoden in seinem Geschichtswerk folgen unmittelbar aufeinander. Ihre Anordnung ist kein Zufall. Es geht um Macht. Es geht aber auch darum, was geschieht, wenn Menschen aufhören, kritisch zu denken.

Melos

Im Sommer 416 v. Chr. verlangt Athen von der kleinen Insel Melos die Unterwerfung. Die Melier wollen neutral bleiben. In den Verhandlungen lassen die Athener Fragen der Gerechtigkeit nicht zu. Unter Ungleichen, sagen sie, setze sich der Stärkere durch. Jeder andere würde an ihrer Stelle ebenso handeln. Die Melier halten dagegen. Auch wer unterlegen sei, müsse noch mit einem Rest an Fairness rechnen können. Diese Regel schütze alle, Athen eingeschlossen. Die Athener bleiben bei ihrer Position, dass in der Natur wie in der Geschichte der Menschen stets der Stärkere über den Schwächeren herrsche. Athen erobert die Insel.

Kritisches Denken prüft Argumente. 

Das Argument der Athener hat zwei Teile. Im ersten beschreiben die Athener, wie Machtpolitik funktioniert. Im zweiten leiten sie daraus ab, dass die Herrschaft des Stärkeren gerechtfertigt sei. Dieser zweite Schritt trägt nicht. Aus der bloßen Tatsache, dass der Stärkere herrscht, lässt sich nicht begründen, dass seine Herrschaft moralisch richtig ist. In der Ethik heißt dieser unzulässige Übergang von einer Tatsachenbeschreibung zu einer Norm Sein-Sollen-Fehlschluss.

Die Athener prüfen ihr eigenes Argument nicht. Eine Prüfung hätte gefragt, ob das Argument auch dann noch gilt, wenn Athen selbst der Schwächere ist. Diese Frage stellen die Athener nicht. Ein Argument, das den eigenen Vorteil sichert und zugleich von Verantwortung entlastet, lädt kaum dazu ein, es zu hinterfragen.

Grönland

Die USA haben wiederholt die Kontrolle über Grönland gefordert. Militärische oder wirtschaftliche Mittel schlossen sie zeitweise nicht aus. Begründet wurde die Forderung mit der Gefahr, andere könnten zugreifen, wenn die USA es nicht täten. Diese Begründung folgt dem Muster der Athener. Sie beschreibt einen Wettstreit um Einfluss und folgert daraus einen Anspruch. Dänemark und Grönland berufen sich auf das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen auf Grönland. Die Insel gehört zum Königreich Dänemark und besitzt weitreichende Autonomie. Wie einst die Melier setzen Dänemark und Grönland dem Anspruch des Stärkeren eine Regel entgegen, die auch den Schwächeren schützt.

Sizilien

Gleich nach Melos erzählt Thukydides von der Sizilischen Expedition (415 bis 413 v. Chr.). Athen will die reiche Insel unter seine Kontrolle bringen. Kritische Stimmen warnen vor dem Unternehmen. Man kenne Sizilien kaum, die Gegner seien stark, und der Krieg in Griechenland sei nicht beendet. Als die Einwände nicht greifen, versuchen die Wortführer es mit einer List. Sie verlangen eine so gewaltige Rüstung an Schiffen und Truppen, dass die Versammlung vor den Kosten zurückschrecken soll.

Doch die Wirkung kehrt sich um. Die Größe von Flotte und Heer scheint nun den Erfolg zu garantieren. Die Begeisterung wächst. Die kritischen Stimmen verstummen. Sie fürchten, als illoyal zu gelten. Die Expedition endet in einer Katastrophe. Flotte und Heer gehen verloren.

Verbindung

Auf Melos sind die Athener überzeugt, dass Stärke genügt, und der Sieg gibt ihnen Recht. Vor der Sizilienfahrt ist aus dieser Überzeugung eine Gewissheit geworden. Wer sie teilt, gehört dazu. Wer sie aber bezweifelt, gerät in Verdacht. Gegen eine solche Einmütigkeit kommen Einwände kaum noch an. Man spricht hier von Gruppendenken.

Hinzu kommt ein Weiteres. Die meisten Athener, so berichtet Thukydides, kennen weder die Größe Siziliens noch die Zahl seiner Bewohner. Sie beschließen einen Krieg gegen ein Land, über das sie kaum etwas wissen, und fragen nicht nach. Ihr Bild der Lage beruht auf Berichten aus zweiter Hand und auf den eigenen Wünschen. Was die Hoffnung stützt, wird geglaubt, was sie stört, überhört. Die Psychologie nennt diese Neigung den Bestätigungsfehler. Man wählt Informationen so aus, dass sie bestätigen, was man ohnehin erwartet.

Beide Mechanismen nähren eine Haltung, die die Griechen Hybris nannten. Gemeint ist die Selbstüberhebung, jener Hochmut, mit dem Menschen das ihnen gesetzte Maß überschreiten. Dieser gedeiht, wo eine Gruppe nur noch sich selbst zuhört und mit jedem Erfolg das Gespür für die Grenzen ihrer Macht verliert. 

Selbst denken

Thukydides schrieb für Leser, die in künftigen Ereignissen Ähnliches wiedererkennen würden. Damit benennt er eine zentrale Fähigkeit kritischen Denkens, das Erkennen von Mustern. Wer das Argument der Athener kennt, erkennt es wieder, auch wenn es in unserer Zeit in neuer Sprache auftritt.

Ein erkanntes Muster bleibt allerdings eine Vermutung. Grönland ist nicht Melos. Lage, Mittel und Rechtsordnung unterscheiden sich grundlegend. Vergleichbar ist allein die Struktur der Begründung. Ob sie tatsächlich übereinstimmt, zeigt erst die Prüfung. Hier setzt eine weitere Fähigkeit an. Sie zerlegt ein Argument in seine Schritte und fragt, ob der Schluss aus den Voraussetzungen folgt. Wer das Argument vorbringt, spielt dabei keine Rolle. 

Eine dritte Fähigkeit zeigt sich bei der Sizilischen Expedition. Ein geprüftes Urteil bleibt folgenlos, wenn es im Sog einer Stimmung untergeht. Eigenes kritisches Denken verlangt deshalb auch, ein Urteil gegen die Begeisterung der eigenen Gruppe festzuhalten und auszusprechen.

Gruppendenken, der Bestätigungsfehler und die Lautstärke, mit der Argumente vorgebracht werden, sind Formen des Rechts des Stärkeren im Denken. Sie setzen durch, was viele wollen, und ersetzen die Prüfung durch Zustimmung. 

So entsteht Hybris - Hochmut und Vermessenheit - im Denken. Sie hält für ausgemacht, was nie geprüft wurde. Kritisches Denken stellt sich dieser Hybris entgegen. Es lässt allein den zwanglosen Zwang des besseren Arguments gelten.

 

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