Janus und Jonas
Überlegungen zur Künstlichen Intelligenz
Janus und Jonas. Überlegungen zur Künstlichen Intelligenz
Janus (lateinisch Ianus) ist der römische Gott des Anfangs und des Endes. Er zählt zu den ältesten römischen Göttern; seine Herkunft ist umstritten.
Der Name „Janus“ gehört zur Wortfamilie ianua, der lateinischen Bezeichnung für Tür, Eingang, Durchgang. Er lebt im Monatsnamen „Januar“ fort, der das Jahr eröffnet.
Der Dichter Ovid eröffnet seine Fasti mit Janus, der als Türhüter spricht: „Jede Tür hat zwei Seiten … so sehe ich, der Türhüter, zugleich die Ausgänge und die Eingänge“ (Ovid, Fasti I, 135-140; eigene Übersetzung.)
Janus ist eine Personifikation der Übergangsräume, die man durchschreiten muss, um etwas zu beginnen. Er ist der Gott der Ein- und Ausgänge, der Türen und Tore.
In Darstellungen wird seine Doppelnatur in der Zweigesichtigkeit sichtbar. Der Kopf trägt zwei Gesichter. Mit dem jungen Gesicht blickt er auf den Anfang, mit dem greisen auf das Ende der Dinge.
Die beiden Gesichter des Janus weisen in entgegengesetzte Richtungen. Sie können einander nie begegnen.
Kennzeichnend für ihn ist die Ambiguität. Welchem Blick man den Vorzug geben soll, bleibt offen. Aus der Mehrdeutigkeit oder Deutungsoffenheit seiner Darstellungen erklärt sich die Übertragung auf Wendungen wie janusköpfige Entwicklung und janusköpfiges Phänomen.
Der Januskopf gilt als Symbol der Ambivalenz (etwas ist „janusköpfig“). Gemeint ist die Gleichzeitigkeit zweier gegenläufiger Momente in einer einzigen Gestalt. Auf die Technik übertragen, gewinnt das Bild an Schärfe. Auch bei ihr können Nutzen und Schaden aus derselben Quelle fließen. Hier setzt Jonas an.
Das Prinzip Verantwortung
Hans Jonas (1903–1993) war ein deutsch-jüdischer Philosoph, Schüler von Husserl und Heidegger und befreundet mit Hannah Arendt. Sein Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung erschien 1979. Es entstand unter dem Eindruck konkreter Bedrohungen: der Gefahren des Atomkriegs und der zivilen Nutzung der Atomenergie, der Erschöpfung globaler Ressourcen, eines ökologischen Kollapses durch Industrialisierungsfolgen.
Jonas erkennt drei Merkmale technischer Macht. Das erste ist ihre Reichweite. Die Folgen erreichen die ganze Erde, und kein Ort bleibt von ihnen unberührt. Das zweite ist die Eingriffstiefe. Auch die menschliche Natur wird beeinflussbar. Das dritte nennt Jonas Kumulation. Die Wirkungen verketten sich, und jeder Eingriff schafft die Bedingungen für den nächsten.
Dass Technik zwei Gesichter hat, ist nichts Neues. Nutzen und Schaden der Technik lagen schon immer beieinander. Mit der modernen Technik hat sich der Radius beider verändert. Sie betreffen heute die Menschheit als Ganze. Die traditionelle Ethik hatte den Schaden im Blick, der den Nächsten traf. Der Schaden, um den es hier geht, kann alle treffen.
Als eine Art „Notstandsethik“ ergänzt Jonas die bisherige Ethik. Er spricht von einer „Vermeidungsethik“ zur Abwendung des „äußersten Übels“ (Jonas, 22 ff., 35 ff.).
Dabei nimmt er Kants kategorischen Imperativ auf und reformuliert ihn. Die Grundform lautet:
„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. Oder negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens“,(Jonas, 36; vgl. Tibaldeo, 225).
KI
Mit der KI wächst die Macht des menschlichen Handelns in bisher unbekanntem Maß. KI ist eine Dual-Use-Technologie: sie ist Segen und Bedrohung.
Heißt es, KI sei so gut oder so schädlich wie die Absicht ihrer Nutzer, greift diese Sicht mit Hans Jonas zu kurz. Die Reichweite der KI erzeugt Gefahren, die keiner bösen Absicht bedürfen. Auch wohlmeinende Nutzer setzen Wirkungen in Gang, die sie weder überblicken noch zurücknehmen können.
Greifbar wird die Reichweite, von der Jonas spricht, an Deepfakes. Dieselbe Technik, die kreative Möglichkeiten bietet, öffnet auch die Tür zu Desinformation und Manipulation. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fabrikation verschwimmen. Falsche Nachrichten beschädigen den Ruf Einzelner. Wird die öffentliche Debatte manipuliert, geraten Demokratien unter Druck (Turek, 171).
»Ein naheliegendes Beispiel sind autonome Tötungsmaschinen. Mehr als 50 Nationen entwickeln derzeit Kriegsroboter. Am gefragtesten werden Roboter sein, die ohne menschliches Zutun die „Tötungsentscheidung“ treffen – die selbstständig einen Menschen ins Visier nehmen und umbringen« (Barrat, zit. n. Turek, 171; Stand 2013).
Hier entscheidet die Maschine, wer lebt und wer stirbt. Tiefer kann Technik kaum in das Leben von Menschen eingreifen. Jonas nennt das Eingriffstiefe.
KI hat das Potenzial, viele Aspekte des menschlichen Lebens zu verändern und die Gesellschaft insgesamt zu beeinflussen. Aber der Weg ist unklar, die Roadmap undefiniert; es gibt vielfältigen Nutzen und erhebliche Risiken, bis hin zur Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile (Dwivedi et al., 42). Ausgrenzung entsteht selten durch eine einzelne Entscheidung. Sie erwächst aus algorithmischen Bewertungen, die Muster aus vorhandenen Daten fortschreiben. Ihre Ergebnisse speisen wiederum neue Bewertungen, und so verfestigt sich die Benachteiligung von Schritt zu Schritt.
Kurzfristig ist entscheidend, wer die KI kontrolliert, langfristig, ob sie sich überhaupt kontrollieren lässt (Turek, 171).
Heuristik der Furcht
Bei Jonas muss Furcht erst erarbeitet werden. Gemeint ist die Anstrengung, sich das Ferne vor Augen zu führen. Jonas spricht von der Beschaffung der Vorstellung von den Fernwirkungen und nennt sie die erste Pflicht der Zukunftsethik. Dafür braucht es Einbildungskraft. Sie macht vorstellbar, was wir nicht wissen können, und lehrt uns, es zu fürchten (Guillaume, 5).
Die Furcht wird zum Anstoß für Verantwortung (Hoppe, 259). Sie zeigt, was auf dem Spiel steht (Tibaldeo, 225).
Weil auch die sorgfältigste Folgenabschätzung fehlbar bleibt, schlägt Jonas die Entscheidungsregel in dubio pro malo vor: im Zweifel hat die schlechtere Prognose den Vorrang. Einer Unheilsprophezeiung ist mehr Gehör zu geben als der Heilsprophezeiung (Hubig, 191).
In dubio pro malo gilt nicht überall. Diese Regel greift dort, wo mit fataler Schadensgröße gerechnet werden muss. Sie tritt ein, wenn der Einsatz zu groß ist, um ihn auf Wahrscheinlichkeiten zu setzen. Wenn im Zweifel aber die schlechtere Prognose zählt und die Risiken der KI gravierend sind, folgt daraus mehr als eine Warnung. Ein Verbot oder eine strenge Reglementierung wäre dann die konsequente Antwort. Über diese Folgerung lässt sich streiten. Sie verdient es aber, ausgesprochen zu werden.
Die KI gleicht dem Januskopf. Sie trägt zwei Gesichter, Segen und Fluch. Keines lässt sich vom anderen lösen. Deshalb mahnt Jonas zur Wachsamkeit. Beide Gesichter sind im Blick zu behalten, und im Zweifel ist dem dunkleren mehr Gewicht zu geben.
Lit:
Barrat, James. 2013. Our Final Invention: Artificial Intelligence and the End of the Human Era, New York: Thomas Dunne Books.
Guillaume., Bertrand. 2019. „The Roots of Hans Jonas' Ethics of the Future, and Precaution“, Journal of Applied Ethics and Philosophy 10, 1–7.
Dwivedi, Y. K., Hughes, L., Ismagilova, E., Aarts, G., Coombs, C., Crick, T., Duan, Y., Dwivedi, R., Janssen, M., et al. 2021. „Artificial Intelligence (AI): Multidisciplinary perspectives on emerging challenges, opportunities, and agenda for research, practice and policy“. International Journal of Information Management, 57, Article 101994, 1-47.
Hoppe, Katharina. 2024. „Das „Prinzip Antworten“: Eine postapokalyptische Theorie der Verantwortung für das Anthropozän.“ Berliner Journal für Soziologie 34 (2), 249–273.
Hubig, Christoph. 2015. Die Kunst des Möglichen III. Transcript Verlag.
Jonas, Hans. 1979. Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Suhrkamp. Frankfurt a. M.
Mac Mahon, Ardle. 2003. "The Realms of Janus: Doorways in the Roman World." In: Carr, G., Swift, E., and Weekes, J. (eds.) (2003) TRAC 2002: Proceedings of the Twelfth Annual Theoretical Roman Archaeology Conference. Canterbury 2002. Oxford: Oxbow Books, 58-73.
Ovid, Fasti, 1989. Translated by J. G. Frazer, Loeb Classical Library. London.
Tibaldeo, Roberto Franzini. 2026. „Current Challenges of Human Authenticity: A Jonasian Perspective“. Human Arenas (2026) 9 (Suppl 1), 221–237.
Turek, Jürgen. 2017. Globalisierung im Zwiespalt. Transcript Verlag.