Warum wir nüchterne Gespräche brauchen
Fünf Voraussetzungen für eine zivilisierte Gesprächs- und Debattenkultur in Öffentlichkeit, Unternehmen und sozialen Medien
Gespräche und Debatten finden heute überall statt, wo um die Anerkennung von Überzeugungen gerungen wird: in der Öffentlichkeit, in Unternehmen und in den sozialen Medien.
Die Hoffnung besteht, dass diese Formate eine vernünftige, respektvolle Auseinandersetzung von selbst in sich tragen. Solange aber (nur) die Hoffnung besteht, dass sich eine gute Debatte oder ein gutes Gespräch von selbst einstellt, bleibt jede Gestaltung willkürlich.
Ernüchterung! Ernüchterung lenkt den Blick auf die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen vernünftig miteinander sprechen und debattieren können. Warum sich dafür der Blick auf Ramon Llull, einen Gelehrten aus dem 13. Jahrhundert lohnt, zeigt das Folgende.
Ramon Llull
Ramon Llull lebte von etwa 1232 bis 1316. Geboren wurde er um 1232 in Palma auf Mallorca, kurz nachdem König Jakob I. von Aragón die Insel 1229 den Muslimen abgenommen hatte. Mallorca war damals stark gemischt, mit Christen, Muslimen und Juden. Diese Umgebung prägte Llull. Zuerst war er Höfling und Familienvater. Mit etwa dreißig Jahren änderte er sein Leben grundlegend. Um 1263 gab Llull sein bisheriges Leben fast vollständig auf. Er verkaufte seinen Besitz, sorgte für die Familie und ging auf Pilgerreisen u.a. nach Santiago de Compostela. Zurück auf Mallorca studierte er rund neun Jahre, vor allem Latein, Philosophie und Arabisch. Llull reiste unermüdlich, unter anderem nach Montpellier, Paris, Rom, Genua, Neapel und Zypern. In Paris lehrte er mehrfach an der Universität. Auf der Kirchenversammlung von Vienne 1312 wurde beschlossen, an großen Universitäten wie Paris, Oxford, Salamanca und Bologna Lehrstühle für Arabisch, Hebräisch, Chaldäisch und Griechisch einzurichten. Er schloss sich ca. 1295 dem Dritten Orden der Franziskaner an. Als Mensch seiner Zeit entwarf er in späteren Jahren auch Pläne für einen Kreuzzug. Über 80 Jahre alt, starb er um 1316. Er hinterließ ca. 265 Werke auf Katalanisch, Latein. Er gilt heute als Begründer der katalanischen Literatursprache.
Wahrheitsfragen
Aus dem Zusammenleben der drei Religionen erwuchs die Wahrheitsfrage unausweichlich. Sie wurde zu Llulls Lebensaufgabe. Wer nicht nur behaupten, sondern begründen wollte, brauchte eine Methode, die auf den allgemeinen Prinzipien der natürlichen Ordnung beruhte. Damit daraus ein Verfahren wurde, das jede Frage beantworten und Antworten begründen konnte, mussten sich Begriffe nach festen Regeln verknüpfen lassen. Am Ende stand die Kombinatorik der Ars magna.
Kombinationsmethode
Ars magna (Ars Generalis Ultima) heißt seine universale Kombinationsmethode. Llull entwickelte ein Alphabet abstrakter Begriffe, zudem mechanische Figuren und Regeln. Damit sollte sich jedes Wissen ordnen und jeder Streit entscheiden lassen. Llull war der Überzeugung, dass Wissen sich formalisieren und nach festen Regeln mit Symbolen zu erzeugen sei. Der Philosoph und Mathematiker Leibniz (1646-1716) knüpfte in De arte combinatoria ausdrücklich an Llulls kombinatorische Methode an.
Ließe sich das gesamte Wissen auf eine kleine Menge von Grundbegriffen zurückführen und diese dann mechanisch kombinieren, ließe sich jedes Problem angehen, jede Diskussion vernünftig führen. Zustimmungsfähig soll zuerst die Verfahrensebene sein, nicht die Inhaltsebene. Entscheidend sind nach Llull die Regeln wie man diskutiert und streitet.
Vernunftgründe
Die Forschung liest Llulls Dialogschriften heute so, dass sich aus ihnen fünf Grundbedingungen für ein ernstzunehmendes Gespräch herausarbeiten lassen. Llull hinterlässt keine geschlossene Liste, die man zitieren könnte. Was sich belegen lässt, ist eine durchgehende Ausrichtung des Gesprächs auf gemeinsame Vernunftgründe statt auf Autoritäten. Von daher lässt sich diese Liste als systematische Rekonstruktion lesen.
Die Rekonstruktion wird greifbar, wenn man fragt, was ein Gespräch zwischen Menschen sinnvollerweise erfüllen muss. Es sind fünf Aspekte: Redefreiheit, Abwesenheit von Angst, ein gewisses Maß an Gleichheit, Empathie, Wertschätzung. Diese Bedingungen sind Ermöglichungsbedingungen in dem Sinn, dass mit jeder fehlenden nicht nur die Qualität, sondern die Sache selbst fällt.
Fünf Bedingungen
- Redefreiheit. Redefreiheit heißt nicht, dass keine Regeln gelten. Sie meint, dass die Regeln niemanden bevorzugen und alle Stimmen gleich zählen. Niemand wird gezwungen, eine Position zu bejahen, die er nicht teilt. Llull kombiniert maximale Redefreiheit mit einem Regelwerk: Erlaubt ist nur, was rational und an gemeinsamen Voraussetzungen, von der ein Gedankengang ausgeht, anschlussfähig ist. Redefreiheit braucht Form. Das ist kein Widerspruch zur Redefreiheit, sondern deren Bedingung. Wer die Form bricht, zerstört das Gespräch, nicht die Freiheit. Ein Format scheitert also nicht, weil zu frei geredet wird, sondern weil die Form nicht durchgehalten wird.
- Abwesenheit von Angst. Llull weiß, dass Argumente nur dort ankommen, wo niemand um Status, Ansehen oder Sicherheit fürchten muss. Nicht selten bestrafen soziale Medien und Plattformdynamiken Abweichungen vom Mainstream mit Sichtbarkeitsentzug und Shitstorms. Das ist genau das, was Llull ausschließen will.
- Gleichheit. Llull verlangt sie ausdrücklich. In den sozialen Medien ist Asymmetrie die Standardeinstellung. Reichweite, Anonymität, Moderationsmacht sind ungleich verteilt; die Bedingung „gewisse Gleichheit" muss also ermöglicht werden. In Unternehmen gilt dieser Anspruch verschärft, weil Hierarchie, Lenkungsmacht und ungleiche Sichtbarkeit dort schon vor jedem Gespräch gesetzt sind.
- Empathie und Wertschätzung. Das heißt: Der Gesprächspartner ist nicht die Zielscheibe, sondern der zweite Prüfer meines Arguments. Wer den Gesprächspartner nur als Publikum behandelt, betreibt Sichtbarkeitsbewirtschaftung und führt kein Gespräch.
Formattreue und „Dritte“
Zu dieser Liste tritt eine andere Überlegung, die das Verfahren betrifft. Die fünf Bedingungen sagen, worauf ein Gespräch ruht. Die Formattreue sagt nun, wie darin geredet wird; sie ist die Ebene, auf der die fünf Aspekte oder Bedingungen erst wirksam werden. Man kann höflich und empathisch sein und trotzdem endlos aneinander vorbeireden, wenn etwa keine gemeinsame Argumentform gilt. Das Verfahren besteht nun darin, nur vernünftige, allgemein nachvollziehbare Gründe zuzulassen und die Berufung auf Autoritäten auszuschließen.
Davon zu unterscheiden ist die Frage, wie ein Gespräch zusammengesetzt ist. Wenn die eine Ebene betrifft, wie am Tisch geredet wird, so betrifft die andere Ebene, wer überhaupt mit am Tisch sitzt. Sollen neben den beiden Fronten auch Unbeteiligte zu Wort kommen, die auf das Reden nach dem Mund einer der Parteien verzichten? Ein Dialog zwischen den Parteien allein genügt nicht. Oft genug bleibt er stecken, weil beide Seiten nicht denselben Gegenstand verhandeln. Hier braucht es Dritte, die sich mit keiner Seite identifizieren. Für Diskussionen ist das eine praktische Konsequenz: Zwischen zwei Lagern entsteht kein gemeinsamer Grund, wenn nicht jemand „im Raum" ist, der keiner der Seiten gehört und beide nach denselben Maßstäben beurteilt. Wo ein Unbeteiligter mitredet, bleibt der Streit bei der Sache.
Ernüchterung
Ernüchterung heißt also hier: die Erwartung abzulegen, dass ein gutes Gespräch sich von selbst einstellt. Ein Prüfraster aus fünf Bedingungen kann zu vernünftigen Gesprächen beitragen. Llull zeigt damit nicht, wie man zum Konsens kommt, sondern unter welchen Bedingungen man reden und in der Sache streiten kann, ohne dass das Gespräch auseinanderfällt. Das wäre für Öffentlichkeit, Unternehmen und soziale Medien eine realistische Zielgröße: nicht Einigkeit, sondern nüchterne, ernüchternde Gesprächs- und Streitfähigkeit.