
Wagen statt resignieren
Wie Peter Wust Unsicherheit zur Chance macht
Die Gegenwart erfahren wir als zutiefst unsicher. Globale Krisen, soziale Umbrüche sowie ökonomische und politische Instabilitäten lassen es kaum noch zu, unsere Umwelt als verlässlich wahrzunehmen. Feste Gewissheiten und gewohnte Routinen zergehen.
In diesem Kontext lässt sich Sicherheit als Vertrauen in die Beständigkeit unserer Handlungsumgebungen verstehen; Unsicherheit bezeichnet folgerichtig den Verlust dieses Vertrauens. Wenn Sicherheit auf Beständigkeit beruht, dann liegt die einzige Beständigkeit, die uns bleibt, paradoxerweise vielleicht gerade in der Erfahrung der fortdauernden Unsicherheit – darin, dass sie die einzige verlässliche Realität bleibt.
Das mag nicht neu klingen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass man sich in dieser Unsicherheit resignativ einzurichten weiß. Doch es stellt sich die Frage, ob sich der Unsicherheit nicht auch positive, lebensdienliche Seiten abgewinnen lassen. Wie können wir mit Unsicherheitserfahrungen umgehen, ohne in Passivität zu erstarren?
Eine Antwort findet sich bei einem heute beinahe vergessenen Denker: Peter Wust (1884–1940). Als prägende Stimme des christlichen Existenzialismus rückte er die Frage ins Zentrum, wie der Mensch in einer Welt ohne letzte Gewissheiten entscheiden und leben kann.
Der „Philosoph der Ungeborgenheit“ identifiziert in seinem Hauptwerk Ungewissheit und Wagnis die „Insecuritas“ (Unsicherheit) als grundlegende Bedingung menschlichen Lebens. Er begreift sie nicht als vorübergehendes Versagen oder behebbares Problem, sondern als das fundamentale Verhältnis des Menschen zu sich und zur Welt.
Gegenwärtig versuchen wir, dieser Unsicherheit mit technischer Präzision zu begegnen. Dem entspricht das, was als Solutionismus* bezeichnet wird: Die Ideologie, dass komplexe gesellschaftliche Prozesse algorithmisch optimierbar und soziale oder politische Probleme grundsätzlich technisch lösbar seien.
Es ist der Versuch, die Irrationalität der Welt mit allen Mitteln zu bannen, um sich gegen Überraschungen zu versichern. Doch Wust beschreibt eindringlich, warum dieser Versuch scheitern muss:
„…dass die Summe des Lebens durch Vernunft dividiert, niemals ohne Rest aufgeht. Denn jedes noch so mühsam hergestellte relative Gleichgewicht [...] ist von Stunde zu Stunde gefährdet durch jenen aus der Dunkelheit der Zukunft drohenden Verfall …“ (Wust, Ungewissheit und Wagnis, S. 18).
Es stellt sich immer ein „aber" ein. Immer kann noch ein „Warum?" anfügt werden, auf das die Antworten zunehmend schwerer fallen. Jede rational hergestellte Sicherheit bleibt trügerisch, da Ambiguität ein integraler Bestandteil des Lebens ist.
Inmitten dieses Strebens nach Kontrolle wird der positive Sinn der Ungewissheit oft übersehen. Wust hingegen versteht das „Wagnis“ als schöpferischen Akt: Gerade weil wir nicht alles wissen können, gewinnen unsere Entscheidungen an Bedeutung. Das Wagnis ist der Raum der Freiheit und der eigentliche Ausgangspunkt für verantwortungsvolles Handeln.
Während die Insecuritas (Unsicherheit) den Menschen in Resignation verfallen lassen kann, befähigt ihn das Wagnis dazu, „geborgen in der Ungeborgenheit“ zu bleiben. Die Zumutung der Unsicherheit wird so zum „Treibstoff“.
Der Mensch ist für Wust ein „Sucherwesen“ (Ungewissheit und Wagnis, S. 307), das erst im Aufbrechen zu sich selbst findet.** Ohne diesen Mut zum Wagnis würde die Erkenntnis der eigenen Ungeborgenheit direkt in den Nihilismus führen – in eine Haltung, in der das Leben als sinnlose Leerstelle erscheint.
Letztlich ist die Ungewissheit kein Defizit, das irgendwie behoben werden muss, sondern die Bedingung, die Freiheit erst ermöglicht. Handeln bleibt notwendig ein Wagnis. Man kann nicht in absoluter Sicherheit stehen und zugleich Neues wagen.
Das Wagnis besteht im Wagen selbst – und darin liegt unsere Verantwortung.
Biografische Informationen Peter Wust
Peter Wust, 1884 als erstes von elf Kindern in Rissenthal (Saargebiet) geboren, studierte in Berlin und Straßburg Germanistik, Anglistik und Philosophie, bevor er 1914 an der Universität Bonn promovierte. 1930 wurde er als Professor für Philosophie an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufen, wo er in der Zeit nach dem Machtantritt Hitlers im kirchlichen Widerstand aktiv war. Er starb 1940 im Alter von 55 Jahren in Münster, ohne seine philosophische Spätwerkentwicklung vollenden zu können.
Lit.
Wust, Peter, Ungewissheit und Wagnis, Kösel Verlag, München 1946 (vierte Auflage).
Löhner, A., Peter Wust: Gewißheit und Wagnis. Eine Gesamtdarstellung seiner Philosophie, Paderborn/München/Wien/Zürich, Schöningh Verlag 1995.
* Morozov, Evgeny, To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism, New York, PublicAffairs, 2013, 6, 5, 14. Mühlhoff, Rainer, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus: Was bedeutet das alles? KI und AGI – Wie Tech-Milliardäre Macht und Zukunft formen, Ditzingen, Reclam Verlag, 2025, 65f.
**Schüßler, Werner & Röbel, Marc. Der Mensch als Homo Viator: Existenzphilosophische Perspektiven, Baden-Baden, Karl Alber Verlag 2021, 93f.
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