Der Klang des Ungereimten
Das Fragment atmet Menschlichkeit
Michel de Montaigne (1533–1592), Jurist, Landedelmann und Bürgermeister von Bordeaux, hinterlässt mit seinen Essais ein Meisterwerk der Weltliteratur.
Frankreich ist im 16. Jahrhundert geprägt von religiösen und politischen Umwälzungen, Kriegen, Pandemien, Verblendung und Hass: „… wo der Blick hinging Grausamkeit, allenthalben eine kaum fassliche Lust am Schädigen, Gier zu töten, destruktive Aggressivität“, (Balmer 2018).
Inmitten all dieser Bedrängnisse zieht sich Montaigne zurück und macht sich − unbeirrt von Gepflogenheiten und Methodiken − daran, über sich und den Menschen an sich nachzudenken. Dabei macht er eine verblüffende Entdeckung: Das Ich entzieht sich jeder systematischen Erfassung – vieles ist ungereimt, und vollständige Selbsttransparenz ist eine Illusion.
Der Mensch, so Montaigne, kann sich weder durch aufwendige Analyse noch durch Übungen völlig durchschauen oder gar optimieren. Nicht Gewissheiten, sondern paradoxe Einsichten prägen das menschliche Dasein: „Dies widerfährt mir, dass ich mich da nicht finde, wo ich mich suche, und mich viel eher von ungefähr antreffe, als durch alle Bemühungen meines Verstandes“, (Montaigne, Essais I, 10).
Montaigne stellt die Frage „Que sais-je?“ – „Was weiß ich?“ Diese Frage ist nicht nur eine intellektuelle Übung, sondern Ausdruck einer tiefen Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur, der condition humaine. Ehrlich, bescheiden und realistisch versucht Montaigne, sich selbst auf die Spur zu kommen „Überall traten Unbeständigkeit und Verschiedenheit hervor. Nicht nur zwischen den einzelnen Menschen, sondern auch im Ich selbst“, schreibt er (Balmer, 2018). Der Mensch ist kein geschlossenes, optimierbares System, sondern ein Fragment, das sich ständig wandelt.
Montaigne strebt nach Erkenntnis, jedoch ohne vorgezeichneten Wegen oder festgefügten Normen sich zu unterwerfen. Sein Denken ist skeptisch. Am bereits Etablierten, Festgefügten und Geltenden nährt sich sein Widerstand.
Dieses skeptische, an der Antike geschulte Denken, ist für Montaigne ein Mittel, Gelassenheit und Toleranz zu stärken. Dadurch gewinnt der Geist Bewegungsfreiheit, es entstehen neue Denkräume. Seit jeher steht dieses Denken unter der Devise der Zurückhaltung im Urteil: „Denn ganz und gar unumstößlich kann kein Urteil jemals begründet sein“, (Balmer 2016). Und selbst wenn wir das glaubten, fühlen wir, „… dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind“, (Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.52).
Der Klang des Ungereimten: Das Fragment atmet Menschlichkeit
An der eigenen Widersprüchlichkeit sich stören – warum? Das Ungereimte, Brüchige, nicht Makellose am Menschen bemängeln, als ließe es sich reparieren – warum? Am Anderen, am Fremden, an dem, was in die Quere kommt, sich stoßen – warum?
Entscheidender wäre es, so Montaigne, die Ungereimtheiten und inneren Widersprüche des eigenen Ichs zu erkennen und auszuhalten.
Diese Einsicht wird zur Blickachse seines Verständnisses vom Menschen. Vertraut mit Kriegen, Hungersnöten, der Pest und der Kälte der Gleichgültigkeit misst Montaigne Menschen nicht an Erfolg, Status oder hochgezüchteter Selbstoptimierung, sondern an gelebter Menschlichkeit.
Doch statt sich von dieser Kälte beugen zu lassen, stellt er ihr die Kraft der Begegnung entgegen: nicht Abgrenzung und Abwertung, sondern Anerkennung der Brüchigkeit; nicht Verurteilung, sondern durch Neugier auf das Unfertige; nicht Missgunst, sondern die Bereitschaft, das Unvollkommene und Unfertige zuzulassen.
Die „Sorgfalt auf sich selbst“ [heute würde man von Achtsamkeit sprechen] ist die konkrete Praxis, die aus der Anerkennung der Brüchigkeit und der Begegnung mit dem Unvollkommenen erwächst.
Allen Menschen gebühren Würde und Selbstbestimmung (Balmer 2018). Jeder Mensch, ganz gleich, wie er beschaffen ist, birgt ein Potenzial und einen Reichtum – gerade im Unfertigen, Brüchigen, nicht Makellosen –, der weit über das hinausgeht, was ihm selbst zugänglich ist. Wir sind Fragmente – und gerade darin liegt unsere Größe.
Es bedarf nur eines minimalen Impulses und kaum eines festen Leitbildes, um ein gutes und gedeihliches Leben zu führen mit sich und auch und gerade mit anderen. Das ist der Kern gelebter Menschlichkeit und eine Haltung der Toleranz, die Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung, sondern als Teil unseres gemeinsamen Menschseins begreift. Die Aufgabe besteht darin, sich selbst zu führen – und vor allem, sich und andere ohne Vorbehalte anzunehmen und auszuhalten.
Montaigne sagt uns heute: Es gilt, das Mögliche bedacht auszuschöpfen, besonnen zu bleiben, der Skepsis Raum zu geben und ein menschliches Leben mit allen anderen zu teilen (Balmer 2018).
©Dr. Armin Kutscher, 2026
Abb. Montaigne, portrait anonyme, vers 1590 - commons.wikimedia.org. , Pixabay, eigenes Foto - gemeinfrei
- Michel de Montaigne: Essais (in der Übersetzung von Hans Stilett), Eichborn Verlag, Frankfurt 1998.
- Hans Peter Balmer, Neuzeitliche Sokratik. Michel de Montaignes essayistisches Philosophieren. Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2016. https://d-nb.info/1152093134/34
- Hans Peter Balmer, Condicio humana oder Was Menschsein besage. Moralistische Perspektiven praktischer Philosophie. München: Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München 2018. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:19-epub-41154-9
- Sarah Bakewell, Montaigne oder Das Glück, mit Büchern zu leben. Verlag C.H.Beck, München 2022.
- Sarah Bakewell, Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten. Verlag C.H.Beck, München 2023.
- Jürgen Straub, Das optimierte Selbst. Kompetenzimperative und Steigerungstechnologien in der Optimierungsgesellschaft. Ausgewählte Schriften. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019.
- Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
- Henning, Luther, Identität und Fragment, in: Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts. Radius Verlag, 1992, 160-183.


